Highsmith lobte seinen Stil: „Chandler konnte in
sechs Worte stets eine Menge hineinpacken.“ Aber sie
verschwieg auch nicht seine persönliche Zerrissenheit
zwischen England und Amerika, seine Trinkerei und sein
ziemlich unglückliches Ende.
Von Philip Marlowe, Chandlers berühmtesten Romanhelden,
haben wir ein recht genaues Bild. Im Film wurde der hart
gesottene Privatdetektiv von Humphrey Bogart, James
Garner, Robert Mitchum und Elliott Gould verkörpert. Wir
alle wären gern ein wenig wie Marlowe, was wohl auch für
seinen etwas zarter besaiteten Schöpfer gilt. In dem
Roman „Der lange Abschied“ aus dem Jahr 1954
charakterisiert sich der coole Schnüffler selber: „Ich
habe eine Lizenz für private Ermittlungen und betreibe
das Geschäft schon ziemlich lange. Ich bin ein
Einzelgänger, unverheiratet, mittleren Alters und nicht
reich. Ich habe schon mehr als einmal gesessen, und ich
übernehme keine Scheidungsfälle. Ich schwärme für
Alkohol, Frauen, Schach und noch ein paar andere Sachen.
Die Bullen können mich nicht gut leiden, aber ich kenne
auch einige, mit denen ich ganz gut auskomme. Ich stamme
hier aus der Gegend, in Santa Rosa geboren, beide Eltern
tot, keine Geschwister, und sollte es mal so weit kommen,
dass ich in einer dunklen Gasse um die Ecke gebracht
werde, wie es in meinem Beruf ja jedem passieren kann und
vielen Leuten in jedem Beruf oder Nicht-Beruf tagtäglich
passiert, dann wird kein Mensch das Gefühl haben, dass
seinem beziehungsweise ihrem Leben der Hauptzacken aus der
Krone gebrochen wäre.“
Raymond Thornton Chandler wurde am 23. Juli 1888 in
Chicago geboren. Nach der Scheidung der Eltern wurde er
von der Mutter nach London gebracht. Erst 1912 kehrte der
lebenslang anglophile Chandler in die Vereinigten Staaten
zurück, diente im Ersten Weltkrieg, heiratete eine
wesentlich ältere Frau und brachte es schließlich zum
Direktor einer Anzahl unabhängiger Ölgesellschaften,
verlor seine Stellung aber während der Depression. Seine
erste Geschichte „Erpresse schießen nicht“ erschien
1933 im Pulp Magazin „Black Mask“. Chandler, der immer
mehr sein wollte als „bloß“ ein
Kriminalschriftsteller, verstarb am 26. März 1959 in La
Jolla, Kalifornien. Zwischen 1939 und seinem Todesjahr
erschienen großartige Romane wie „Der tiefe Schlaf“,
„Lebwohl, mein Liebling“, „Der lange Abschied“
oder „Playback“.
Besser als Dashiell Hammett
Wer auf Krimis à la Agatha Christie steht, sollte
Chandler lieber im Regal stehen lassen. Dessen Vorbild war
Dashiell Hammett, Schöpfer des „Malteser Falken“, des
„Dünnen Mannes“ und der „Roten Ernte“. „Hammett
zog den Mord aus der venezianischen Vase und ließ ihn auf
die Straße fallen“, sagte Chandler über den Mann, den
er künftig übertreffen wollte: „Ich dachte, ich
könnte vielleicht ein bisschen weitergehen, ein bisschen
humaner sein, könnte mich ein bisschen mehr für Menschen
interessieren als für Mord“. Chandler war ein Stilist,
der Krimis als literarische Werke ansah und ihnen
dieselben Maßstäbe zugrunde legte wie jedem anderen
Roman.
„Was Chandlers Arbeiten die besondere Würze gibt ist
die Kombination von britisch-englischem Standardsatzbau
und vorwiegend amerikanischem Wortschatz. Sein Stil wirkt
nie langweilig, weil Chandler etwas von Kadenz und Tempo
versteht. Er wirkt nie trocken, weil die Sprache so frisch
ist. Dieser Stil ist das natürliche Produkt von Chandlers
persönlicher Geschichte. In seinen Romanen hat Chandler
ihn weiterentwickelt und verfeinert, aber die Basis dafür
waren die pulp-stories“, schreibt sein Biographe Frank
MacShane. Der humanistisch gebildete Chandler sah in so
hochkarätigen Dichtern wie Henry James, Joseph Conrad,
Charles Dickens oder Gustave Flaubert seine literarischen
Vorbilder. Und so wollte er in seinen wenigen
Kriminalromanen Los Angeles in ähnlicher Weise festhalten
wie Dickens und Balzac das London und Paris für künftige
Generationen festhielten.
Was Chandler von Hammett unterscheidet, ist vor allem sein
Humor, sein scheinbar so leichter Ton und die romantische
Atmosphäre. Von Hammetts Helden Sam Spade können wir uns
kein wirkliches Bild machen, von Marlowe, diesem
romantischen Ritter im Kalifornien der 30er, 40er und 50er
Jahre, schon. Aufgrund seiner Fähigkeiten könnte er viel
mehr erreichen als ein schäbiges Büro und ständig
wechselnde Buden. Und mit den Frauen, die dem gut
aussehende Marlowe (Chandler schwebte ein Typ wie Cary
Grant vor) eigentlich sehr ergeben sind, klappt es
eigentlich auch nie so recht oder zumindest nie
langfristig. Denn sein Auftrag ist klar: Auch wenn er
immer wieder scheitert, er will die Welt von ein bisschen
Schmutz befreien, auch wenn er sich dabei immer wieder
eine blutige Nase, eine Menge Undank und keine hohen
Honorare einhandelt. Privatleben hat Marlowe eigentlich
nicht. Er kocht gut Kaffee, kann sich ein Ei in die Pfanne
schlagen, spielt Schach gegen sich selbst und hat die
Pulle mit Feuerwasser immer griffbereit.
Und wenn ihm ein Gangster hochnäsig ins Gesicht
schleudert, dass er ein Haus in Florida habe und eine
Hochseeyacht mit fünf Mann Besatzung, einen Bentley, zwei
Cadillacs, einen Chrysler-Kombi und einen MG für seinen
Jungen und Marlowe entgegnet, er habe nur ein Haus, kein
Weibsbild und ein paar tausend in Pfandbriefen, dann
halten wir ihn trotzdem für den Größten. Wir hätten
uns die Unverschämtheiten dieses arroganten Schnösels
vielleicht ruhig angehört oder ihm entgegnet, dass er uns
mal den Buckel runter rutschen könne. Marlowe hingegen
rammt ihm die Faust so stark in den Bauch, dass der
schleimige Fiesling wimmernd zusammen klappt und mit den
Händen konvulsivisch hin und her zuckt. Ja, so wären wir
auch gern. Formal vielleicht nicht so reich und angesehen
wie die Mächtigen, aber wenn es drauf ankommt, mit einer
Menge mehr Mumm und Muskeln ausgestattet.
Marlowe als die Personifikation einer Haltung
Einem so klugen Mann wie Chandler war natürlich bewusst,
dass ein so intelligenter und sensibler Mann wie Marlowe
im „echten Leben“ niemals als Privatdetektiv arbeiten
würde. Für ihn war er lediglich die „Personifikation
einer Haltung, die Übertreibung einer Möglichkeit“.
Ein melancholischer Held, ein einsamer Kämpfer: „Ich
sehe ihn eigentlich immer auf einer einsamen Straße, in
einsamen Räumen, ratlos, doch nie ganz geschlagen“. In
späteren Jahren, als Chandler selbst von Einsamkeit
geplagt wurde und seine Frau Cissy immer stärker
kränkelte, hat er die Männlichkeit seines Protagonisten
und seine Beliebtheit bei den Damen jedoch manchmal etwas
übertrieben. Vielleicht war dies eine Art
Kompensation.
Chandlers Kosmos, das Los Angeles seiner Zeit, ist hart,
korrupt, es wimmelt von zwielichtigen Verbrechern und
genauso zwielichtigen „Bullen“. Dass der Leser sich
diese Welt vorstellen kann, liegt vor allem an der
bildkräftigen Sprache des Autors. So charakterisiert er
in „Lebwohl, mein Liebling“, den Ex-Knacki Moose
Malloy mit folgenden Worten: „Es war ein großer Mann,
nur knapp zwei Meter groß und nicht ganz so breit wie ein
Bierwagen.“ Malloy sieht „so unauffällig aus wie eine
Tarantel auf einem Quarkkuchen“. In seinen Geschichten
und Romanen gibt es Hunderte solcher humorvoller,
plastischer Beschreibungen. Es sind Bilder, die man in
dieser Form vorher noch nicht gelesen hat.
Viele der heutigen Krimis – ob in Buchform oder im
Fernsehen – nerven uns mit ihren Nebengeschichten und
sozialen Bezügen. Es wimmelt nur so von zerquälten
Ermittlern mit zerrütteten Ehen und missratenen Kindern.
Ziemlich verkrampft werden alle möglichen „heißen“
Eisen wie Rassismus, Kindesmissbrauch, Terrorismus,
Umweltkriminalität oder was auch immer angepackt. Der
gute alte Mord bleibt dabei häufig auf der Strecke. Und
weil jeder Ermittler so einen umfangreichen Seelenmüll
mit sich herumschleppt, sind die meisten Schmöker auch
über 500 Seiten stark. Chandler hat sich meist mit der
Hälfte begnügt und trotzdem Kunstwerke, keine Massenware
geschaffen.
Dabei hat er zu keinem Zeitpunkt – obwohl er nie
„nur“ als Krimiautor, sondern als Romancier gelten
wollte – die blödsinnige Unterteilung in E und U
mitgemacht. Chandler war der Meinung, dass alle Literatur
im Grunde Unterhaltungsliteratur ist. Der Stilist Chandler
hat sich immer abgesetzt von Thrillerautoren wie James M.
Cain („Wenn der Postmann zweimal klingelt“), die
seinen ästhetischen Vorstellungen zuwiderhandelten:
„Hammett ist schon gut. Allen Respekt vor ihm. Es gibt
eine Menge Sachen, die er nicht konnte, aber was er
machte, das machte er glänzend. Dagegen James Cain –
puh! Alles, was er anfasst, riecht nach Ziegenbock. Er
vereinigt als Autor alles auf sich, was ich verabscheue,
ein faux naif, ein Proust im schmierigen Overall, ein
schmutziger kleiner Junge mit einem Stück Kreide und
einem Bretterzaun, und keiner sieht hin. Solche Leute sind
der Abschaum der Literatur, nicht weil sie über
schmutzige Dinge schreiben, sondern weil sie es auf eine
schmutzige Art tun. Nichts hart und sauber und kalt und
gut durchgelüftet. Ein Puff mit einem Mief von billigem
Parfüm im Salon vorn und einem Eimer Spülwasser am
Hinterausgang. Klingt das bei mir, um Gottes willen, etwa
ähnlich? Hemingway mit seinem ewigen Schlafsack ödet
einen auf die Dauer auch verdammt noch mal an, aber
Hemingway sieht wenigstens alles, nicht nur die Fliegen am
Müllkübel.“
Während von Cain heute kein Buch mehr in deutscher
Sprache erhältlich ist (höchstens antiquarisch), stellt
sich dieses Problem bei Chandler zum Glück nicht. Der
grandiose Diogenes-Verlag macht uns seine Stories und
Romane zugänglich. Leider ist die Biographie „Raymond
Chandler“ von Frank MacShane (ebenfalls bei Diogenes
erschienen) nur noch antiquarisch erhältlich. Lesefaule
und Leute, die viel mit dem Auto unterwegs sind, sollten
sich die große Hörspieledition „Raymond Chandler.
Gefahr ist ihr Geschäft“ (Sprecher sind u. a. Hans
Peter Hallwachs, Hilmar Thate, Ulrich Pleitgen, Christian
Brückner und Arnold Marquis) zulegen. Auch seine Briefe
aus den Jahren 1937 bis 1959 mit ihren Kommentaren über
Hollywood, Schriftstellerkollegen oder die Kunst des
Schreibens bereiten ein großes Maß an Lesevergnügen,
obwohl die Übersetzung von Hans Wollschläger unsagbar
schlecht ist.
Wer sich dem Meister langsam und in Stücken nähern
möchte, ist bei der Kurzgeschichtensammlung „Mord im
Regen“ bestens bedient. Denn viele seiner früheren
Stories, die er für die so genannten Pulp Magazine
geschrieben hat, hat er später für seine Romane
ausgeschlachtet. So etwas nennt man ökonomisch. Nicht
ohne Grund hatte Chandler seine Berufskarriere als Manager
in der Ölindustrie begonnen. Bedauerlich, dass ihm für
die „simple Kunst des Mordes“ dann letztlich nur rund
20 Jahre übrig blieben.
Literaturhinweis:
Frank MacShane: Raymond Chandler. Eine Biographie.
Diogenes Verlag: Zürich 1984.
Hart und sauber, kalt und gut durchgelüftet
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Zum 120. Geburtstag des Romanschriftstellers Raymond Chandler
21.07.2008Tags: Alle Meldungen von
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