Für diese Zeichen der Emanzipation (von denen wir im 21. Jahrhundert bisher wenig sehen) gibt es wenig brauchbare Worte und Begriffe. Wenn man sagt „Schule“, „Unterricht“, „Lerngesellschaft“ oder „Bildungsreform“ sind das schwache Ausdrücke für eine starke Sache: nämlich für das Wunder, dass man Menschen am Lernen gar nicht hindern könnte. Nur dadurch ist die Menschheit in der Evolution übrig geblieben, weil es zur Menschenlust gehört, neugierig zu sein.
Das, was das Wort Bildung umschreibt, also der Begriff, besitzt eine unausgeschöpfte Aura. Dazu 21 Filme. Mit Beiträgen von Bildungsforschern, Wissenschaftlern, von Helge Schneider und Peter Berling, von Philologen und dem Bildungsberater Karls des Großen, dem Engländer Alkuin; mit Beispielen von Menschen an der Bildungsfront, die in ihrem Beruf ihr Leben opferten (zum Beispiel Adolf Reichwein).
Folgende Filme befinden sich im Einzelnen in der Themenschleife „Man kann nicht lernen, nicht zu lernen“, die ab Mittwoch, den 24. März, online auf www.dctp.tv zu finden ist.
Ein Rettungsboot namens Bildung. Ulrike Sprenger über das
Potenzial, das Menschen verändern kann.
Zu den beliebten Kinderbüchern gehört die "Hasenschule".
Tatsächlich aber gibt es Bildung und Institutionen des
Lernens nur in menschlichen Gesellschaften. Der
lateinische Begriff für Bildung heißt ERUDITIO: aus dem
rohen Holz eine Form herausarbeiten. Dies entspricht einer
früheren Vorstellung von Pädagogik. Die modernere
Vorstellung hält dem entgegen: es ist besser von den
Kindern zu lernen. Deren Natur ist reicher als jede
Erziehung sein kann. Man soll, heißt es, bei Pestalozzi,
bei Rousseua und bei dem modernen Bildungsforscher Piaget,
nicht das Alte einprägen, sondern eine neue Welt
entwickeln. Die Romanistin Prof. Dr. Ulrike Sprenger,
Universität Konstanz und Verfasserin des Proust-ABC,
über das RETTUNGSBOOT NAMENS BILDUNG.
Adolf
Reichwein. Schulreform nach 1918 war zugleich
Lebensreform.
Adolf Reichwein war hoher Ministerialbeamter im
Preußischen Kultusministerium und ein Begründer der
Erwachsenenbildung. Später begründete er eine
Reformschule für Landkinder, die berühmt wurde. Nach dem
20.07.1944 wurde er wegen Widertands gegen Hitler zum Tode
verurteilt: Leben und Tod eines markanten
Bildungsreformers.
Die Hüter königlicher Bücher. Lob der Philologie.
Ursprünglich war die Philologie dazu da, heilige Texte zu
bewahren und von Irrtum zu reinigen. In der Moderne wurde
sie zur SCHLÜSSELWISSENSCHAFT. Sie entwickelte die Schule
der Skepsis und sie ist HÜTERIN DES SINNS GROSSER WERKE.
Sie gehört als VIERTE zu den poetischen Künsten.
Dr. Thomas Steinfeld, Leitender Redakteur der
SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, berichtet.
Der Pädagoge von
Klopau.
Im Endkampf vor 1945 werden die Schüler eines Gymnasiums
in Ostdeutschland zum Schanzeinsatz eingesetzt. Alle
kommen um. Ihr Lehrer marschiert zum Kultusministerium in
Berlin und protestiert. In Zukunft will er kein Lehrer
mehr sein.
Was hilft mir mein Bauchgefühl? Prof.
Dr. Gerd Gigerenzer, Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung in Berlin über die Macht der
Intuition.
Der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal war als
Rationalis Erfinder der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Zugleich aber stammt von ihm der Satz: "Das Herz hat einen
Verstand, den der Verstand selbst nicht versteht". Die
Gleichgewichte zwischen Ratio und Intuition sind das
Forschungsthema von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Wann
ist es richtig, dass ich meinem Bauchgefühl vertraue?
Wann ist es notwendig, dass ich allein den Kopf gebrauche?
Begegnung mit Gerd Gigerenzer aus Anlass seines neuen
Buchs "Bauch-entscheidungen: Die Intelligenz des
Unbewussten und die Macht der Intuition".
Lehrerin
Margit M.
Eine bildungshungrige Lehrerin findet sich nach Kriegsende
auf dem Gebiet der späteren DDR. Sie ist
Reformpädagogin. Ihre Ideen von ganzheitlicher Erziehung
werden abgelehnt. Sie wird Organistin.
Man kann
nicht lernen, nicht zu lernen. Oskar Negt über Immanuel
Kants Schrift „Was heißt Aufklärung?“
In der Adventszeit 1783 veröffentlichte Immanuel Kant den
Aufsatz: "Was ist Aufklärung?". Dieser Aufsatz enthält
die klassische Definition des vernünftigen
Emanzipationsprozesses, der ein ganzes Zeitalter bewegte.
Jede Gesetzgebung, sagt Kant, die den Prozess der
Aufklärung der Menschen endgültig aufzuhalten versucht,
ist null und nichtig. Er ist auch auf etwas Unmögliches
gerichtet, weil sich Menschen in ihrer Emanzipation nicht
aufhalten lassen. Was heißt Aufklärung? Was sind die
Grundlagen dieses Prozesses, der so lange ein Projekt
blieb und doch unaufhaltsam zu sein scheint?
Oskar Negt, Soziologe und Philosoph, berichtet.
Was
heißt lernen? Computer und Neurowissenschaft. Mit Prof.
Dr. Klau Obermayer.
Prof. Dr. Klaus Obermayer leitet eine Arbeitsgruppe an der
Technischen Universität Berlin , die an der Nahtstelle
von Biologie und Physik die Zukunft maschineller und
menschlicher Intelligenz erforscht. Computer rechnen,
Menschen lernen. Was bedeutet dieser Unterschied für die
Architektur des Verstehens? Was bedeutet dieser
Unterschied für die Evolution der Computer und die der
Menschen?
Die goldene Palme von Cannes für einen
Film von der Bildungsfront. Eine Schule im Pariser
Problembezirk.
Im 12. Arrondissement im Südosten von Paris kämpfen die
Lehrer einer Schule an der Bildungsfront, Jahr für Jahr.
In jedem Augenblick fällt in der Auseinandersetzung mit
den Schülern eine Entscheidung. Für seinen ungewöhnlich
realistischen Film ENTRE LES MURS erhielt der Regisseur
und Laurent Cantet und sein ausgezeichnetes Team den
höchsten Preis des Festivals von Cannes: die Goldene
Palme.
Die Sprache ist ein Fluss. Texte von Alkuin
(800 n. Chr.) und Jacques Derrida.
Ist Bildung ein Acker oder gehört sie zur Schifffahrt?
Mit Wolfgang Edelstein.
Wozu brauchen wir
Experten?
Von der Universität des Mittelalters bis zum modernen
„Sachverständigen“.
Die Reform geht mir nicht
weit genug.
In der Öffentlichkeit wird diskutiert, ob man ganz oder
teilweise zur alten Rechtschreibung, festgelegt im Duden
von 1991, zurückkehren oder auf der Rechtschreibreform
beharren soll.
Dies greift zu kurz. Der Rechtschreib-Experte Fritz
Kleiber behauptet: Die Rechtschreibreform geht noch
längst nicht weit genug. Mehr Freiheit für die
Konsonanten! Gleiches Recht für zuwenig genutzte
Buchstaben wie X, Y und Z. Mit Peter Berling als
Oberstudiendirektor Fritz Kleiber.
Elefanten sind
Lerntiere. Über Charaktereigenschaften von Elefanten. Mit
Ruedi Tanner vom Zoo Zürich.
Im Züricher Zoo gilt der Elefantenpfleger Ruedi Tanner
innerhalb der Elefantenherde als "Oberste Tante". Er
berichtet von der Geburt des Elefantenkalbes Upali, vom
erlernen guter Eigenschaften und von schlechten
Eigenschaften, die Elefanten nur in Gefangenschaft lernen,
von den Sitten des Elefantenbullen Max und vieles
andere.
Beinahe wären wir Römer geworden. Helge
Schneider als Oberstudiendirektor Thormaelen aus
Oberhausen.
Helge Schneider als Oberstudiendirektor Thormaelen aus
Oberhausen. Er ist zugleich Vorsitzender des
Varus-Vereins. Bekanntlich wurde vor 2.000 Jahren, im
Frühherbst 09 n.Chr., der römische Feldherr Varus mit
seinen Legionen durch Hermann den Cherusker vernichtet.
Oberstudiendirektor Thormaelen kritisiert die neuerdings
üblichen Feiern zum Jubiläum von 60 Jahre
Bundesrepublik. Der Gesichtswinkel erscheint ihm zeitlich
verkürzt, wenn doch Deutschlands Geschichte 2.000 Jahre
umfasst. Damals, im Jahre 09, hätte die Chance bestanden,
dass Varus gesiegt hätte und wir alle Römer geworden
wären. Wären wir dann zivilisierter? Was wären die
Auswirkungen für den Lateinunterricht in der Oberprima?
Helge Schneider als Oberstudienrat Thormaelen und
Vorsitzender des Varus-Vereins.
Das Lernen lernen!
Oberschulrat Dr. Karl Wolff ruft zur Besinnung
Krise in Hessen! Die Antworten des engagierten Pädagogen
Dr. Karl Wolff klingen gereizt. Auf das Fach Geschichte
wird keine hinreichende Rücksicht genommen! Das 9.
Gymnasialjahr fehlt! Nicht einmal für den Stoff des
Jahres 1099 (Erster Kreuzzug) ist Zeit. Wie soll man da
das Lernen lernen!
Peter Berling als Oberschulrat.
COOL DEF DANCE /
Eine Tanzschule für Gehörlose in N.Y.
Eine junge Tänzerin mit Namen Aziza hat in dem Statdtteil
Harlem in N.Y. einen Tanzschulen-Workshop errichtet, in
dem Behinderte und Taubstumme durch die
Bodenerschütterung, die die Musik auslöst, tanzen
lernen. Ihre Lieblingstänze sind Rap, d.h. mit Sprechen
verbunden. Sie nehmen dafür die Gebärdensprache zu
Hilfe.
Direktlink zur Themenschleife „Man kann nicht lernen, nicht zu lernen“: http://www.dctp.tv/bildung/
Des Weiteren wird die Themenschleife nach und nach um
folgende Filme erweitert werden:
Die neun
lernwilligen Kinder.
Wenige Jahre vor 1900 lebt in Galizien eine Schar von
Kindern, die gern zur Schule gehen. Es herrscht klirrende
Kälte. Dennoch brechen sie auf, um am Tag von Heiligabend
die Schule zu erreichen. Auf dem Rückweg kommen sie im
Schneesturm um.
"Lernen ist der Gegenpol für
Krieg". Mirco Baumm über Paul Virilio, den Krieg und die
Hochrüstung des Lernens.
Der Krieg tritt auf "neuausgerüstet in seinen ältesten
Gewändern", so nennt es der Theoretiker Paul Virilio in
Paris. Der einige bekannte Gegenpol zum Krieg heißt nicht
Frieden, sondern: lernen.
Dieses Lernen läuft in unseren modernen Gesellschaften im
Arme - Sünder - Gewand umher. Der Designer Mirco Baumm
hat den Auftrag, einen Kongress auszugestalten. Es geht um
die Hochrüstung des Lerners. Die Stickworte des
Kongresses heißen: Innovation, Drama und Ritual. "Iß nie
mehr als du tragen kannst", sagt Miss Piggie. "Was bleibt,
ist nicht". Ein ungewöhnlicher Kommentar zur
Bildungsreform.
DNA-Computer. Gregorz Rozenberg
über 3,5 Milliarden alte Tiere, Genies des
Parallellrechnens.
Silicon-Computer müssten zwei Jahrhunderte rechnen, um
ein Problem zu lösen, das ein DANN-Computer in 24 Stunden
durchrechnen wird. Einer der Pioniere dieser
revolutionären Informationstechnolgie ist Gregorz
Rozenberg. Rechnen, sagt er, lernen wir vom Kosmos, von
den Zellen und von den genialen Wimperntierchen, die zwei
winzige Zellkerne besitzen. Einer dieser Zellkerne weiß
sich über 3,5 Milliarden Jahre zu erinnern und rechnet
andauernd.
Schneller, billiger und out-of-control.
Artificial Life Spezialist Rodney Brooks entwickelt
autonome Roboter.
Rodney Brooks ist freier Unternehmer und zugleich Direktor
des ARTIFICIAL LIFE LABORATORIUM am Massachusetts
Institute of Technology. Er entwickelt Roboter, die
autonom auf fernen Planeten, tief unter der Erde in
Ölbohrlöchern und auch als Spielzeug operieren können.
Sein tüchtigster Roboter heißt "Chingis" und arbeitet
"ohne Kopf". Wie vermeiden es Menschen, fragt Rodney
Brooks, dass sie digitale Chauvinisten werden? Sie können
es nur lernen, wenn sie die Autonomie der roboterischen
Intelligenz achten. Sie bringt auch Einfälle.



